„Von guten Mächten…“
Als ich aus Anlass einer Silberhochzeit die Katholische Pfarrkirche „Mater Dolorosa“ in Berlin-Buch besuchte, erklang im Gottesdienst das sehr emotional geprägte Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“. Der Text wurde von dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer im Dezember des Jahres 1944 verfasst, einige Monate bevor er im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg (Oberpfalz) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus hingerichtet wurde. Beim Hören dieses Liedes entstand der Gedanke, einmal etwas über die doch recht komplizierte Geschichte der Delbrückfamilie zu erzählen, da diese spannend, aber auch aktuell ist. Es gibt eine sehr interessante Verbindung zwischen der Familie Bonhoeffer und dem Namensgeber unseres Instituts – Max Delbrück.
Im Folgenden möchte ich über den Tellerrand der großen wissenschaftlichen Leistungen Max Delbrücks hinausschauend am Beispiel einer seiner Schwestern den Blick in die Vergangenheit wagen. Der Geburtstag von Emilie – „Emmi“ – jährt sich am 13. Mai 2015 zum 110. Mal.
Die Delbrück-Familie stammte ursprünglich aus dem niedersächsischen Alfeld an der Leine und war im 19. Jahrhundert sowohl in Preußen als auch im Deutschen Kaiserreich sehr einflussreich.
Emilie Delbrück, etwas über ein Jahr älter als Max, war die Tochter des Historikers und Reichstagsabgeordneten Hans Delbrück (1848 – 1929). Ihre Mutter, Carolina („Lina“) geb. Thiersch (1864−1943) war eine Enkelin des Chemikers Justus von Liebig (1803 – 1873) und Schwägerin des Theologen Adolf von Harnack (1851 – 1930), der als einer der geistigen Väter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gilt. Ihr Vater war der berühmte Chirurg Carl Thiersch (1822−1895), er führte u.a. 1886 erste Hauttransplantationen durch und beschäftigte sich mit der Übertragbarkeit der Cholera. Die Delbrücks hatten sieben Kinder: Waldemar (geb. 1892, gef.1917), Justus (1902−1945), Hanni, Lene, Emilie (1905−1991) und Max (1906−1981).
Christian Gremmels / Renate Bethge (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer — Bilder eines Lebens
© 2005, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Emmi Delbrück wuchs in einer durch Tradition, altruistisches Pflichtbewusstsein und Selbstdisziplin geprägten Familie auf, aus der hohe preußische Verwaltungsbeamte, Gelehrte und Pastoren hervorgegangen waren.[1] Emilie heiratete im September 1930 den Rechtsanwalt Klaus Bonhoeffer, drittältestes der acht Bonhoeffergeschwister. Somit ist der Theologe Dietrich Bonhoeffer, von dessen Lied am Anfang die Rede war, der Bruder von Max Delbrücks Schwager Klaus. Emmis Schwiegervater Karl Ludwig Bonhoeffer war ein bekannter Psychiater und Neurologe, Ordinarius an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und Charité.
Klaus Bonhoeffer pflegte verschiedene Kontakte zu Widerstandsgruppen gegen das NS-Régime. Besonders durch seinen Bruder Dietrich erhielt er Einblick in den kirchlichen Widerstand. Über seine Schwäger Justus Delbrück, Hans von Dohnanyi und Rüdiger Schleicherhatte er zahlreiche Verbindungen zum militärischen Widerstand gegenHitler. Auch in dieAttentats- und Umsturzpläne des 20. Juli 1944 war er eingeweiht. Über einen Vetter seiner Frau,Ernst von Harnack, konnte Klaus Bonhoeffer auch Kontakte zum sozialdemokratischen Widerstand aufbauen. Viele Reisen nutzte er dabei für sein Tun. Sehr emotional und tiefgreifend ist der an seine Kinder gerichtete und von Emmi Bonhoeffer vollständig überlieferte Abschiedsbrief aus der Haftanstalt, vor seiner Hinrichtung am 23. April 1945.
Emmi Bonhoeffer unterstützte ihren Mann sehr intensiv bei der Weitergabe von Nachrichten und anderen Aufgaben. Nach dem Tod ihres Mannes floh sie mit ihren Kindern nach Schleswig-Holstein und lebte später in Frankfurt am Main. Ihre zwanzig letzten Lebensjahre verbrachte Emmi in Düsseldorf in der Nähe der Familie ihrer Tochter. Eine enge Verbindung hatte sie zu ihren drei Enkelsöhnen, die sie gerade im Hinblick auf Ausbildung und Beruf liebevoll beriet. Zeitlebens setzte sich Emmi Delbrück für Frieden und Gerechtigkeit ein, so baute sie u.a. einen „Hilfsring“ für Notleidende in Ostdeutschland auf. Tausende von eigenhändig gepackten Päckchen aus Geld- und Sachspenden wurden von ihr an private Adressen nach Ostdeutschland verschickt. In den 1960-er Jahren betreute sie Zeugen im Auschwitzprozess, wie Korrespondenzen aus jener Zeit belegen.[2] Später arbeitete sie bei Amnesty International mit und engagierte sich gegen die Raketenstationierungen, indem sie auch im hohen Alter noch an Mahnwachen teilnahm. In Schulen und in zahlreichen Veranstaltungen hielt sie lebensklug und leidenschaftlich wie es hieß, Vorträge über die deutsche Vergangenheit.[3]
Die Familien Bonhoeffer, Delbrück, Harnack und Dohnanyi waren wirklich, auch für die damalige Zeit etwas Besonderes. In der Kindheit wurde gemeinsam Schlagball gespielt, Schlittschuh gelaufen und vor allem viel musiziert. Der selbstverständliche Umgang mit jüdischen Nachbarn, Freunden und Kollegen schärfte früh die Wahrnehmung der Verbrechen. Die Geschichte dieser Berliner Nachbarschaft, dieser Freundschaften, bald auch Ehen, bezeugt, wie man gemeinsam und gegenseitigem Vertrauen mutig in den Widerstand gehen kann, trotz harter Schicksalsschläge und Verluste.
Im Sommer 1989, zwei Jahre vor ihrem Tod, wurde sie einmal nach ihren Wünschen für die Zukunft gefragt. Sie antwortete: „Es möge sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die Zeit der Machtpolitik vorbei ist. Nur im Miteinander kann die Welt vor der Zerstörung gerettet werden. Nicht Anspruchsdenken, sondern Bescheidung wendet die Not, ist notwendig.“[4]
Das beispielhafte Leben von Emilie Bonhoeffer sollte jedem Menschen, der – aus welchen Beweggründen auch immer — gegen Fremde oder Flüchtlinge demonstriert oder sich über das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturkreise und Religionen äußert, Anlass zum Nachdenken geben.
[1] Grabner 2005, S. 7.
[2] Ebenda.
[3] Vergl. Grabner 2005
[4] Grabner 2005; S. 11
Grabner, Sigrid: Emmi Bonhoeffer – Essay, Gespräch, Erinnerung. Berlin 2005. [https://books.google.de/]