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Was lesen Sie gerade, Frau Graßmann?

Heike Graßmann ist seit Oktober 2018 Administrative Vorständin des MDC. Vor ihrem Wechsel nach Berlin war die promovierte Diplom-Kauffrau als Administrative Geschäftsführerin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig tätig. In unserem Lesetipp verrät sie, warum sie Fakten neugierig machen.

In meiner Freizeit lese ich am liebsten Belletristik, im beruflichen Kontext Literatur und Fachbeiträge zu Themen der Unternehmensführung. Auch populärwissenschaftliche Sachbücher interessieren mich.

Prof. Heike Graßmann, Administrative Vorständin des MDC

Zuletzt habe ich das Buch von Mai Thi Nguyen-Kim „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ gelesen. Auf dem Buchrücken steht „FAKTEN GEGEN FAKES!“, und das hat mich neugierig gemacht. Unsere Beurteilungen seien zu oft von persönlichen Wahrnehmungen gefärbt, nicht von objektiven Tatsachen. Die nicht neue Erkenntnis: Wissenschaft ist komplex und methodengetrieben. Für Experimente und Ergebnisse gilt also ein: „Es kommt darauf an“ – es kommt auf die Untersuchungsfrage und Untersuchungsmethodik und auch Visualisierung an.

Mai Thi Nguyen-Kim, promovierte Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin, erklärt kurzweilig und verständlich und mit einer Prise Humor (mir manchmal aber zu „jugendsprachlich“) in neun Kapiteln wissenschaftliche Studien und Experimente und die dabei angewendeten Erhebungs- und Auswertemethoden. Angetrieben von der Frage, ob es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt – zwischen Fakten und persönlichen Meinungen. Die Grundidee in jedem Kapitel: Streitfragen als Gedankenanstöße ansehen und wissenschaftlich hinterfragen. Es gibt ganz nebenbei Auffrischung in Sachen Alltagsstatistik für Laien. Die Streitfragen sind aktuelle gesellschaftliche, kontroverse Themen wie: Sind Tierversuche ethisch vertretbar? Worum geht es beim Gender Pay Gap? Denken Frauen anders als Männer? Wie sicher sind Impfungen? Wie politisch darf Wissenschaft sein? Ihre vielen Beispiele und Grafiken sowie wissenschaftlichen Methoden und Auswertung der verwendeten Studien erläutert Mai Thi Nguyen-Kim auch für Fachfremde leicht verständlich.

Was ist wahr? Was ist falsch? Was ist plausibel?

Mein Fazit: Wichtig in jeglicher (wissenschaftlicher) Streitdebatte ist der konstruktive Umgang mit Meinungsvielfalt und ein kritisches Hinterfragen der Erhebungsmethodik einer Aussage. Ein weiteres wichtiges Fazit: Wissenschaftler*innen müssen informieren und auch darüber sprechen, wie sie zu ihren Ergebnissen kommen. Das öffentliche Vertrauen in die Wissenschaft wird gestärkt, wenn die Öffentlichkeit weiß, wie Wissen entsteht und wie Experimente und Date ausgewertet und verwertet werden.

Populärwissenschaftlich für Laien kommunizieren! Wissenschaftler*innen tun dies mit großem Talent in Talkrunden, während der Langen Nacht der Wissenschaft oder Science Slams und ähnlichen Formaten. Und bin froh, dass in Deutschland so prominente Wissenschaftskommunikator*nnen wie Mai Thi Nguyen-Kim oder Ranga Yogeshwar aktiv sind. Aber noch stolzer bin ich auf alle MDC-Wissenschaftler*nnen, die nicht nur ihren Fachkolleg*nnen wissenschaftliche Erkenntnisse des Max-Delbrück Centrums für Molekulare Medizin kommunizieren, sondern auch der breiten Öffentlichkeit populärwissenschaftlich nahebringen.

Mai Thi Nguyen-Kim, Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit - Wahr, falsch, plausibel - die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft, Verlag: Droemer HC, 368 Seiten, ISBN: 978-3-426-27822-2