Aeon

Für immer jung?

Drei Monate war die Künstlerin Emilia Tikka zu Gast in den Laboren des MDC – und sammelte Inspirationen für ihr Werk „ÆON. Trajectories of Longevity and CRISPR“.

Ihre Gesten verraten, dass sie ein Paar sind. Eine Umarmung, eine Berührung während des Essens, ein Blick in die Augen. Und trotzdem ist man irritiert. Ihr Haar ist lang und fast weiß, Falten haben sich tief in ihre Haut gegraben. Der Mann dagegen wirkt, als wäre er Mitte 30.

Aber die beiden trennen nicht die Lebensjahre, sondern eine Entscheidung. Er konserviert seine Jugend seit Jahrzehnten mithilfe täglicher Inhalationen. Sie lässt der Natur ihren Lauf.

Der Traum von ewiger Jugend ist so alt wie die Menschheit. Jetzt machen es Technologien wie die Genom-Editierung mit CRISPR-Cas9 vorstellbar, dass das Altern abgeschafft oder unser Leben zumindest erheblich verlängert werden könnte. Die finnische Künstlerin Emilia Tikka interessiert, was das für eine Gesellschaft bedeuten würde. In ihrem Werk „ÆON. Trajectories of Longevity and CRISPR“ entwirft sie ein poetisches Szenario über eine mögliche Zukunft. „Ich möchte die Betrachterinnen und Betrachter einladen, sich in solch einer Welt auf erwartete Alltagssituationen einzulassen. Die Entscheidung, ob diese Vision wünschenswert ist, liegt bei ihnen“, sagt sie.

Das Ergebnis von Emilia Tikkas Kunstaufenthalt zum Thema Gentechnik am MDC und die Wissenschaft dahinter: das Kunstwerk, ein Mini-Symposium und eine Podiumsdiskussion.

Im Labor ist CRISPR Alltag

Wir mussten erst eine gemeinsame Sprache finden.
Emilia Tikka Artist in residence am MDC

Für Forscherinnen und Forscher ist eine solche Zukunft weit weg. Im Moment erleichtert ihnen CRISPR-Cas9 die Arbeit im Labor. Die Gen-Schere ist vergleichsweise billig, einfach und schnell. Innerhalb weniger Wochen können die Wissenschaftsteams damit mehrere Stellen im Erbgut ausschneiden, reparieren, an- oder abschalten. Und je mehr Teams weltweit mit der Gen-Schere arbeiten, desto schneller beseitigen sie die noch existierenden Fehler. Vielleicht finden sie sogar Therapien für bislang unheilbare Krankheiten. Offene Fragen gibt es freilich genug. Wann zum Beispiel ist eine Gentherapie mit CRISPR sicher genug, so dass schwer kranke Erwachsene oder Kinder behandelt werden können?

40 Künstlerinnen und Künstler aus zwölf Ländern wollten aus erster Hand erfahren, was mit CRISPR bereits möglich ist und bewarben sich um die erste europäische Artist Residency zu diesem Thema. Emilia Tikka setzte sich durch; die Kuratorinnen und Kuratoren von STATE, ORION und dem MDC überzeugte unter anderem die Ergebnisoffenheit ihres Konzepts. Als sie ihre Idee vor rund 50 Forscherinnen und Forschern am MDC vorstellte, schlug ihr dennoch Skepsis entgegen: Das geht nicht, sagten einige. Dann können wir gleich behaupten, wir würden an einem Jungbrunnen arbeiten!

„Wir mussten erst eine gemeinsame Sprache finden“, sagt Emilia Tikka und nennt das Wort „Spekulation“ als ein Beispiel. Sie nutzt den Ansatz des speculative design, um technologische Entwicklungen in glaubwürdigen Szenarien darzustellen. Dafür will sie die wissenschaftlichen Details verstehen und so Inspiration für einen fiktiven Alltagsgegenstand aus der Zukunft finden. Für einen Gegenstand, der längst nicht da, aber denkbar ist. Mit wilden Spekulationen hat ihre Arbeit nichts zu tun.

Eine erstrebenswerte Zukunft? 

Wir haben in der Vergangenheit von vielen Dinge behauptet, dass sie nie eintreten würden, dass sie unrealistisch sind.
Dr. Ralf Kühn
Ralf Kühn Leiter der Transgenics-Technologieplattform

Dr. Ralf Kühn gehört zu denen, die Emilia Tikka die Türen zu ihren Laboren geöffnet haben. „Wir haben in der Vergangenheit von vielen Dinge behauptet, dass sie nie eintreten würden, dass sie unrealistisch sind“, sagt der Leiter der Transgenics-Technologieplattform am MDC. „Aber wer weiß das schon? Vielleicht kann man in zehn oder in hundert Jahren das Altern stoppen.“ Tikka stimmt ihm zu: „Deshalb sollten wir heute darüber reden, ob wir so eine Zukunft erstrebenswert finden. Wenn die Anwendung erst einmal da ist, ist es zu spät.“

Tikkas Zeit am MDC war durch intensive Gespräche geprägt. Zuerst um gemeinsam mit verschiedenen Arbeitsgruppen herauszufinden, was Altern für eine Zelle heißt, welche Experimente zu ihren Ideen passen und wie sie sie in nur drei Monaten umsetzen kann. Aber auch, um die technische Literatur zu verstehen, um Ideen wie Ballons in die Luft steigen zu lassen und zu sehen, was Widerspruch provoziert und was Reflektion fördert.

In Zellkulturen klappt die Verjüngungskur bereits, erfuhr die Künstlerin etwa von Dr. Sebastian Diecke, dem Leiter der Technologieplattform für pluripotente Stammzellen. 2012 hat der Japaner Shinya Yamanaka dafür den Medizin-Nobelpreis bekommen.

Verjüngungskur für Zellen 

Am Anfang kann aus einer Zelle fast alles werden. Je mehr Zeit aber vergeht, desto mehr spezialisieren sie sich – aus den embryonalen Stammzellen entwickeln sich zum Beispiel Nervenzellen, Muskeln oder Blutkörperchen – und verlieren dabei ihre ursprüngliche Flexibilität. Lange hat man angenommen, dass dieser Prozess nicht umkehrbar ist. Yamanaka hat gezeigt, dass es möglich ist. Als er die vier Gene c-Myc, Klf4, Oct4 und Sox2 in den Kern einer Mäuse-Hautzelle einschleuste, setzte er damit alles auf Anfang. Er hatte induzierte pluripotente Stamm-zellen (iPS-Zellen) geschaffen. Die vier Gene sind seither als Yamanaka-Faktoren bekannt.

Diese Entdeckung hat die Forschung beflügelt. Wenn ein Arzt zum Beispiel einer Patientin Hautzellen entnimmt, können diese im Labor mithilfe der Yamanaka-Faktoren wieder in Stammzellen verwandelt werden. Aus diesen Stammzellen können Forscherinnen und Forscher unter anderem Mini-Organe züchten, die genau jene Erbanlagen haben, die der Patientin Probleme bereiten und so nach der Ursache des Leidens und wirksamen Therapien suchen. Oder sie können sie mit CRISPR verändern.

Tikka wollte dieses „Aus alt mach neu“-Prinzip etwas anders anwenden. Ist eine Zelle verjüngt, wenn sie in der Petrischale zur Stammzelle zurückprogrammiert und dann wieder zu einer spezialisierten Zelle wird? Ein Paper legte nahe, dass die Kennzeichen des Alterns durch diesen Prozess verloren gehen.

Dr. Jürgen Stumm, ein Postdoktorand bei der Stammzell-Plattform, zeigte ihr die nötigen Schritte für ihr Experiment. „Aber zuallererst musste Emilia dafür sorgen, dass sich die Stammzellen in der Zellkultur wohlfühlen“, sagt Diecke. Allein das dauerte mehrere Tage. „Ich bin es gewohnt, exakt zu arbeiten. Das fällt mir nicht schwer. So aufwändig hatte ich mir das trotzdem nicht vorgestellt“, erzählt Tikka.

Drei gläserne Ampullen, drei Abkürzungen 

Als ÆON Ende Oktober 2018 zum ersten Mal im STATE Studio in Berlin-Schöneberg zu sehen ist, erinnern zwei Teile des Werkes an diese Mühen: Ein Schwarz-Weiß-Film zeigt im Zeitraffer, wie sich die Stammzellen in Neuronen verwandeln. Und unter einem Mikroskop können Besucherinnen und Besucher zudem die inzwischen abgetöteten Zellen betrachten.

Ein fiktives Verjüngungsset – gar mit einer Spritze oder einer Infusion, um alte gegen junge Zellen auszutauschen – sehen sie nicht. Das wäre zu medizinisch für ein Lifestyle-Produkt, zu unrealistisch, zu nah an der ganzen Bio-Hacking-Debatte, findet Tikka: „Das würde die Diskussion in die falsche Richtung führen.“ Im Zentrum steht stattdessen ein anderes Objekt. Auf einem dunklen Podest ist ein etwa 20 Zentimeter hoher Inhalator aufgebaut, daneben drei gläserne Ampullen mit der Aufschrift nanoG, dCas9 und gRNA.

Wieder war eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Ausgangspunkt für die Idee, der Doktorand Eric Danner aus der Arbeitsgruppe von Ralf Kühn hatte sie darauf aufmerksam gemacht. Die Yamanaka-Faktoren können auch teilweise aktiviert werden, heißt es darin. Die Zellen werden dann nicht in einen embryonalen Zustand versetzt, sondern nur „verjüngt“. Bei Mäusen habe das die Anzeichen des Alterns gelindert und ihre Lebenszeit verlängert.

Nicht schneiden, sondern anschalten 

In gewisser Weise ähneln sich Kunst und der wissenschaftliche Prozess.
Dubravka Vucicevic Postdoktorandin

Darauf aufbauend plante Tikka ein zweites Experiment: Sie wollte einen Yamanaka-Faktor in menschlichen Zellen mit einer neuartigen CRIPSR-Version namens CRISPR-dCas9 reaktivieren und wandte sich an die Arbeitsgruppe „Bioinformatik der Genregulation“ von Professor Uwe Ohler. „Mit dCas9 zerschneiden wir das Erbgut nicht“, erklärt die Postdoktorandin Dr. Dubravka Vucicevic aus der Gruppe. „Es kann gar nicht schneiden. Aber wir können damit Moleküle in der Zelle für unsere Zwecke rekrutieren und so zum Beispiel einen der Yamanaka-Faktoren anschalten. Was wir erfolgreich getan haben.“

Genregulation statt Genom-Editierung ist also die Basis für den Inhalator. „Ich stelle mir vor, dass man täglich die Mischung aus den Ampullen einatmen muss, um wirklich jung zu bleiben“, sagt Tikka. „Man kann nicht einfach damit aufhören. Dann wäre alles dahin.“ Und wofür stehen die anderen beiden Ampullen? Die gRNA leite das CRISPR-dCas9-Werkzeug zu den richtigen Stellen in den Zellen. Die Abkürzung „nanoG“ stehe für das Verpackungsmaterial Nano-Gold, das CRISPR im Körper verteilen soll.

„In gewisser Weise ähneln sich Kunst und der wissenschaftliche Prozess“, sagt Dubravka Vucicevic. „Wir versuchen, über den Tellerrand zu schauen, wir arbeiten sehr hart, um unsere Neugierde zu befriedigen, und wir müssen mit anderen kommunizieren, die sehr unterschiedliche Perspektiven haben.“ Ihr Blick wandert von dem Inhalator zu den Fotos, die Zuzanna Kaluzna nach den Ideen von Emilia Tikka angefertigt hat. Sie sind wie ein Triptychon angeordnet: links die Frau, in der Mitte das Paar, rechts der Mann. Dem Paar steht nach Jahrzehnten ein endgültiger Abschied bevor. Würde die Forscherin den Inhalator benutzen, wenn sie die möglichen Folgen sieht? Dubravka Vucicevic überlegt kurz: „Wir müssen noch viel über das Altern lernen und CRISPR als Werkzeug optimieren, bevor wir eine fundierte Entscheidung treffen können, ob wir CRISPR zur Verlängerung unseres Lebens nutzen oder nicht“, sagt sie dann. Und Emilia Tikka? „Zuerst dachte ich: Warum nicht? Aber je länger ich mich damit beschäftige, desto unsicherer werde ich.“

Zwei Menschen, zwei Entscheidungen.

Über die Artist Residency

 

Im Sommer 2018 war die Künstlerin Emilia Tikka drei Monate in den Laboren des MDC zu Gast. Dort hat sie gemeinsam mit den Forscherinnen und Forschern ausgelotet, wie CRISPR-Cas9 unsere Zukunft verändern könnte. Das daraus resultierende Werk war von Ende Oktober 2018 bis April 2019 im STATE Studio zu sehen.

Die erste europäische Artist Residency zur Genomeditierung hat das MDC gemeinsam mit STATE, einer Berliner Initiative für Kunst und Open Science, initiiert. Die Residency wurde als ein erster Schritt zu einem europaweiten Bürgerdialog zu CRISPR vom EU-Projekt ORION finanziert. STATE und ORION verbindet, dass sie sich für Open Science einsetzen und einen offenen Dialog über Forschung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft anstoßen wollen.

Über Emilia Tikka

 

Emilia Tikka ist Designerin und Künstlerin. Ihre interdisziplinäre Praxis untersucht die philosophischen Dimensionen und kulturellen Implikationen neuer Technologien wie der synthetischen Biologie und CRISPR. Ihre Methoden reichen von der Gestaltung von Objekten, Installationen, Konzepten und Spekulationen über die Zukunft bis hin zu Laborexperimenten. Vor kurzem wurde Tikka für die „Tokyo Art and Science Residency 2019“ ausgewählt. Die gebürtige Finnin lebt und arbeitet in Berlin.

Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und auf Designausstellungen und in Kunstmuseen gezeigt. Darunter sind: die Ars Electronica in Österreich, das STATE Studio in Deutschland, das New York University Arts Center in Abu Dhabi, das Västerås Art Museum in Schweden, das EMMA Contemporary Art Museum in Finnland, das Museum für Zeitgenössische Kunst COCA in Polen, das Technische Museum Helsinki und andere. Ihr Filmprojekt Eudaimonia wurde bei Filmfestivals wie Shorts on Tap in London und bei Imagine Science Films in New York gezeigt und als Finalist bei den European Cinematography Awards ausgewählt. Ihre Arbeiten wurden in den Zeitschriften Nature und PLASMA Magazine, in der Süddeutschen Zeitung und Die Welt vorgestellt.