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„Nutzt diese Chance – es lohnt sich!“

Dank eines Austauschprogramms für medizinische Systembiologie am Max Delbrück Center konnte der Doktorand Philipp Roth einige Zeit in New York forschen. In unserem Interview berichtet er über seine Arbeit an der NYU und die unerwarteten Vorteile des Austauschs.

Das Austauschprogramm für medizinische Systembiologie des Max Delbrück Center bildet die nächste Generation von Systembiolog*innen aus und stärkt die Zusammenarbeit zwischen dem Max Delbrück Center und seinen internationalen Partnern – wie der New York University (NYU) und der University of Edinburgh. Die teilnehmenden Doktorand*innen haben die Möglichkeit, für bis zu zwei Jahre in einem Labor im Ausland zu forschen. Sie profitieren nicht nur von der Auslandserfahrung, sondern auch von der Betreuung durch zwei Mentor*innen – je eine*r am Max Delbrück Center und an der Partneruniversität.

Wir haben uns mit Philipp Roth getroffen, der zwei Monate an der NYU Langone Health in der Arbeitsgruppe von Dr. Esteban Mazzoni gearbeitet hat. Roth ist Doktorand bei Dr. Jakob Metzger, Leiter der Arbeitsgruppe für Quantitative Stammzellbiologie am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie des Max Delbrück Center (MDC-BIMSB). Der Austausch habe ihm auf unerwartete Weise geholfen, sagt Roth. Im folgenden Interview spricht er über sein Forschungsprojekt, gibt künftigen Kandidat*innen Ratschläge und berichtet über seine Erfahrungen im Big Apple.

Philipp Roth

Wie bist du auf das PhD-Austauschprogramm aufmerksam geworden und was hat dich dazu bewogen, dich zu bewerben? 

Philipp Roth: Als ich nach einem PhD-Programm gesucht habe, bin ich auf der Homepage des Max Delbrück Center auf diese Möglichkeit gestoßen. Das hat das Zentrum für mich noch attraktiver gemacht. Ich habe mich auch deshalb sehr gefreut, als ich angenommen wurde.

Worum geht es in deiner Doktorarbeit?

Ich habe Physik studiert, wollte mich aber in Richtung Biologie orientieren. Als ich zur AG Metzger kam, hatte ich bereits Erfahrung in der Datenwissenschaft. Das Labor war aber noch im Aufbau, sodass ich anfangs kaum Daten analysieren konnte. Ich wechselte häufig die Projekte und interessierte mich dann für die sehr frühe neuronale Entwicklung – also dafür, wie und in welcher Reihenfolge Neuronen entstehen. Mit anderen Worten: Welche Arten von Neuronen werden von welchen Vorläuferzellen erzeugt? Um diesen Fragen nachzugehen, musste ich mir die Fähigkeiten, die man an der Laborbank braucht, aneignen.

Wie hast du deinen PI gefunden?

Ich habe nach PIs gesucht, deren Forschungsgebiet meine Interessen widerspiegeln. Dabei stieß ich auf Esteban Mazzoni am NYU Langone Health, der sich mit neuronaler Differenzierung beschäftigt. Außerdem hatte ein Freund und Kollege aus dem Austauschprogramm, der Mazzoni schon kannte, ihn empfohlen. Ich hatte mehrere Zoom-Meetings mit Mazzoni, um mein Projekt in seinem Labor zu planen. Er hatte die Idee, die zelluläre Stammbäume in neuronalen Geweben zu verfolgen. 

Mit Aussicht: Der Eingangsbereich der School of Medicine der NYU.

Was war der Plan?

Wir hatten die Idee, die Stammbäume für Zellen in menschlichen Gehirn-Organoiden zu erstellen. Ich sollte ein Protokoll für eine neue Methode am MDC-BIMSB entwickeln und dann ein Experiment in Mazzonis Labor mit menschlichen Stammzellen durchführen. Eines von Mazzonis Forschungsschwerpunkten ist die Frage, wie Stammzellen schließlich zu Rückenmarkszellen werden. Wir wollten die Stammbäume nutzen, um zu ermitteln, welche Vorläuferzellen zu Rückenmarkszellen reifen.

Ging der Plan auf?

Wir wollten die Methode in einer Zelllinie entwickeln und am MDC-BIMSB validieren. Aber der Prozess erwies sich als schwieriger als gedacht. Ich versuchte, ein System zu integrieren, das zufällige Barcodes in das Genom von Stammzellen überträgt. Dazu mussten wir ein Plasmid entwickeln, das dieses System enthält. Sobald Stammzellen mit einem Barcode versehen sind, kann man ihre Nachkommen verfolgen, während sie sich zu reifen Geweben entwickeln. In New York konnte ich eine Zelllinie mit integriertem Barcode herstellen. Leider gab es eine Kontamination der Zellen am Ende meines Aufenthalts, sodass ich keines der geplanten Experimente durchführen und die Zellen nicht zum MDC-BIMSB zurückbringen konnte.

War das eine große Enttäuschung für dich?

Aus wissenschaftlicher Sicht war es in gewisser Weise ernüchternd, aber nur, weil wir Pech hatten und die Zellen letztlich kontaminiert wurden. Aber die Wissenschaft ist voller gescheiterter Experimente, insbesondere wenn es um sehr empfindliche Zellen geht. Dennoch kenne ich jetzt das Protokoll zur Differenzierung von Stammzellen in Motoneuronen und ich weiß jetzt auch, dass die Integration meines Barcodes in die Zellen funktioniert. Jetzt verwendet Mazzonis Labor einige der Plasmide, die ich mitgebracht habe, für andere Forschungsprojekte. Außerdem lernte ich, besser um Hilfe zu bitten – auch in einer Umgebung, in der ich niemanden kannte. 

Philipp Roth bei seiner Forschung am MDC-BIMSB.

Woran arbeitest du jetzt? 

Dank des Programms erhielt ich eine Finanzierung für ein weiteres Jahr, um meine Promotion abzuschließen. Normalerweise sind Promotionsverträge ja auf drei Jahre befristet, auch wenn die meisten Studierenden länger brauchen. Aktuell konzentriere ich mich auf ein zweites Projekt am MDC-BIMSB, das eher datenwissenschaftlich ist. Das Stammbaumprojekt wird von meinen Kolleg*innen in Berlin fortgeführt. 

Was würdest du zukünftigen Kandidat*innen raten?

Seid proaktiv und macht euch so früh wie möglich für euer Vorhaben stark, auch wenn die Pläne noch nicht perfekt ausgearbeitet sind. Das Programm bietet finanzielle und administrative Unterstützung, aber die eigentliche Organisation und das Projekt liegen bei euch. Übernehmt Verantwortung, seid euer eigener Chef und bleibt entschlossen. Auch wenn mein Plan nicht so funktioniert hat, wie ich es mir gewünscht hätte, habe ich mich nicht beirren lassen. Ich habe so viele andere großartige Dinge aus dieser Erfahrung mitgenommen, die ich nicht erwartet hatte. Also: Nutzt diese Chance – es lohnt sich.

Gibt es etwas, das du anders machen würdest?

Ich glaube, ich habe viel zu spät nach Kooperationspartner*innen gesucht. Als ich Mazzoni fand, war ich bereits im zweiten Jahr meines Promotionsprogramms. Doktorand*innen sollten sich so früh wie möglich an potenzielle PIs wenden, damit sie genug Zeit haben, die richtige Person zu finden und die Forschung zu planen. Scheut euch nicht, ohne ausgearbeiteten Plan auf andere zuzugehen – oft entstehen neue Projektideen erst im Gespräch mit PIs.

Wie wird diese Erfahrung deiner Karriere helfen, sei es in der Wissenschaft oder in der Industrie?

Der tägliche Check-in von Philipp Roth für die Forschung.

Die geknüpften Kontakte können Türen öffnen, insbesondere falls ich mich für eine Postdoc-Phase entscheide. Sollte ich in die Industrie gehen, ist die internationale Erfahrung ein starker Pluspunkt in meinem Lebenslauf. Ich tendiere zur Datenwissenschaft, denn hier gibt es viele Jobmöglichkeiten und oft auch die Option im Home Office zu arbeiten.

Hat dir deine Zeit in New York gefallen?

Ich habe im multikulturellen Bushwick, Brooklyn, gelebt, wo ich eine facettenreiche Latino-Kultur erlebt habe, die neu und interessant für mich war. Außerdem habe ich die große und vielfältige kulinarische Auswahl, die New York zu bieten hat, sehr genossen. Ich bin Hobbymusiker und hatte durch meine Musik bereits einige Kontakte in NYC geknüpft. Diese konnte ich nun persönlich treffen und ich wurde eingeladen, an einigen Orten als DJ aufzulegen. Diese persönlichen Erfahrungen außerhalb der Arbeit waren bereichernd. Außerdem habe ich mein Englisch verbessert und viele wertvolle Kontakte geknüpft und neue Freund*innen gefunden. 

Interview: Gunjan Sinha 

Weiterführende Informationen 

Das Max Delbrück Center Exchange Program in Medical Systems Biology wurde 2009 ins Leben gerufen. Jedes Jahr führt ein Auswahlkomitee Bewerbungsgespräche und wählt pro Bewerbungsrunde maximal zwei Kandidat*innen für das Programm aus.