Thomas Sommer

Thomas Sommer zur Initiative „Transparente Tierversuche“

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft gehört zu den Erstunterzeichnern der Initiative „Transparente Tierversuche“. Professor Thomas Sommer, Wissenschaftlicher Vorstand (komm.), erklärt warum.

„Ich freue mich sehr, dass das Thema Tierversuche heute in den Fokus gerückt wird. Für mich als Wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums war es eine Selbstverständlichkeit, dass wir der Transparenz-Initiative beitreten und die Erklärung unterschreiben, als man mich vor einigen Wochen darum gebeten hat.

Transparente und offene Kommunikation sind uns am MDC seit vielen Jahren überaus wichtig. Wir informieren faktenbasiert, ehrlich und offen über unsere biomedizinische Forschung. Und das bedeutet für uns: Wir sprechen klar und eindeutig über die Tierversuche, die bei uns gemacht werden. Ebenso klar kommunizieren wir übrigens auch über mögliche Alternativen zu Tierversuchen, über In-vivo-Modelle, Organoide und Stammzell-Technologien, über die 3R-Prinzipien (den Grundsatz des Vermeidens, Verringerns und Verbesserns von Tierversuchen). Diese sind die Basis unserer Arbeit und wir fördern deren Entwicklung. All das gehört für uns untrennbar zusammen.

Wir sagen, was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun.

So wollen wir in unserer Gesellschaft zum besseren Verständnis wissenschaftlicher Prozesse beitragen. Wir möchten Wissen vermitteln, uns und unsere Arbeit und Methoden zugänglich machen und gemeinsam mit der Gesellschaft unsere Werte reflektieren. Uns geht es darum, Debatten zu versachlichen und dadurch den Dialog zu fördern – über Forschung allgemein und das Thema Tierversuche im Besonderen.

Denn davon bin ich überzeugt: Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten und Vertrauen in die Forschung entsteht nur im gesellschaftlichen Dialog und nur durch größtmögliche Transparenz. Übrigens: Wie bedeutsam biomedizinische Forschung ist, erleben wir gerade in der Corona-Pandemie eindrücklich. Hier in Deutschland wurden die neuen Wirkprinzipien entwickelt, auf denen die neuartigen mRNA-Impfstoffe basieren. Für diesen Erfolg bekommen wir weltweit Anerkennung. Zurecht. Klar ist freilich auch: Ohne Tierversuche hätte keiner dieser Impfstoffe entwickelt werden können.

Wie wichtig Dialog und Transparenz sind, auch das sehen wir aktuell – es ist eine Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung, eine Zeit, in der Desinformationen oder manchmal Falschinformationen leicht ein großes Publikum finden können. Dem möchten wir Transparenz und Evidenz entgegensetzen. Wir Forscherinnen und Forscher brauchen und wünschen uns eine im besten Sinne informierte, beteiligte und engagierte Öffentlichkeit.

Am MDC kommunizieren wir deshalb pro-aktiv und offen: Wir veröffentlichen nicht nur jedes Jahr unsere Tierversuchszahlen; in Berichten über unsere biomedizinischen Erfolge, unsere Fortschritte und Studien zeigen wir auf, wenn diese auf Tierversuche basieren. Wir laden Interessierte – und damit meine ich explizit auch unsere Kritiker*innen – zum Dialog ein, etwa zu Panel- und Publikumsdiskussionen (Urania 2019) oder zu Vorträgen (Urania 2021). Während der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin öffnen wir gerne unsere Labore für Erwachsene wie für Kinder; dort stellen sich unsere Forscherinnen und Forscher sowie Tierhaus-Beschäftigte neugierigen und kritischen Fragen und Debatten. Schulklassen und andere Besucherinnen und Besucher sind ebenso am MDC willkommen. MDC-Forschende und Tierschutzbeauftragte geben den Medien regelmäßig Interviews oder öffnen die Labortüren, und wir laden Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Medien zu Informationsbesuchen und Hintergrundgesprächen zum Thema Tierversuche und 3R ans MDC ein. Selbstverständlich nutzen wir auch die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke, um uns am gesellschaftlichen Dialog und Austausch zu beteiligen. All das ist bei uns seit Jahren geübte Praxis, und wir haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Lassen Sie mich drei konkrete Beispiele nennen, wie wir Transparenz herstellen, diesen Dialog führen und wie er gelingen kann:

  • Ende 2020 haben wir, inmitten einer öffentlichen Diskussion um die Neubesetzung der Tierversuchskommission am Landesamt für Soziales und Gesundheitsschutz in Berlin – das ist in Berlin die Aufsichtsbehörde – auf unserer Webseite und in sozialen Medien eine breite Palette von Statements unserer Arbeitsgruppenleiter*innen veröffentlicht. Sie erklären dort in persönlichen Stellungnahmen, warum wir in der Forschung noch nicht auf Tierversuche verzichten können. Das war ein vielbeachtetes öffentliches Signal, dem inzwischen einige Institutionen gefolgt sind und für das wir viel Lob von anderen Forschungsinstitutionen, aber auch aus der Politik erhalten haben – und es hatte große Resonanz im Internet.
  • Wenige Wochen zuvor, im November 2020, haben wir zu einer öffentlichen Informations- und Diskussionsveranstaltung während der Berlin Science Week eingeladen: Künstliche Intelligenz, Organoide, Tiermodelle – neue Wege in der Biomedizin. Anlass war die Eröffnung unseres neuen Präklinischen Forschungscentrums, ein Meilenstein für schonendere Tierversuche am MDC.
  • Im Jahr 2018 haben wir am MDC mit einem starken Signal dem Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ geantwortet. Sie wollten einem unserer Forscher einen Negativpreis namens „Herz aus Stein“ überreichen. Wir haben uns nicht ängstlich weggeduckt. Fast 200 Kolleginnen und Kollegen aus Wissenschaft und Administration erklärten öffentlich ihre Bereitschaft zum direkten Dialog mit den Demonstrantinnen und Demonstranten, sie lehnten aber die mit dem „Preis“ verbundene persönliche Diffamierung und pauschale Verurteilung eines Kollegen als nicht akzeptabel ab.

Im Sinn von Offenheit und Transparenz kooperiert das MDC seit seiner Gründung mit „Tierversuche verstehen“, der Informationsinitiative der Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Seit wenigen Wochen sind wir Träger des „Siegels für vorbildliche Kommunikation tierexperimenteller Forschung“.

Das MDC ist schon seit 2013 Mitglied der European Animal Research Association (EARA). EARA hat im Dezember 2020 eine Evaluierung von 1065 institutionellen Webseiten innerhalb der Europäischen Union vorgenommen (Beobachtungszeitraum Sommer 2020), bei der das MDC mit seinem ausführlichen Web-Auftritt Forschung, Tierversuche und 3R sehr gut abgeschnitten und alle Kriterien erfüllt hat.

All das zeigt aus meiner Sicht: Transparenz ist möglich – und Transparenz zahlt sich aus. Für die medizinische Forschung, für die Demokratie und für den wissenschaftlichen Fortschritt.“

(Ende)

 

Download-Link

Statement von Prof. Dr. Thomas Sommer als pdf-Datei

 

Kontakt

Jutta Kramm
Leiterin Kommunikation
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC)
+49 (0) 30 9406 2140
jutta.kramm@mdc-berlin.de oder presse@mdc-berlin.de

 

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)

 

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft gehört zu den international führenden biomedizinischen Forschungszentren. Nobelpreisträger Max Delbrück, geboren in Berlin, war ein Begründer der Molekularbiologie. An den MDC-Standorten in Berlin-Buch und Mitte analysieren Forscher*innen aus rund 60 Ländern das System Mensch – die Grundlagen des Lebens von seinen kleinsten Bausteinen bis zu organübergreifenden Mechanismen. Wenn man versteht, was das dynamische Gleichgewicht in der Zelle, einem Organ oder im ganzen Körper steuert oder stört, kann man Krankheiten vorbeugen, sie früh diagnostizieren und mit passgenauen Therapien stoppen. Die Erkenntnisse der Grundlagenforschung sollen rasch Patient*innen zugutekommen. Das MDC fördert daher Ausgründungen und kooperiert in Netzwerken. Besonders eng sind die Partnerschaften mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin im gemeinsamen Experimental and Clinical Research Center (ECRC ) und dem Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité sowie dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK). Am MDC arbeiten 1600 Menschen. Finanziert wird das 1992 gegründete MDC zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent vom Land Berlin.