“Biologische Waffen 1925 — 1945 — Lehre für die Zukunft”
In den Vereinigten Staaten werden zunehmend Besorgnisse über eine Bedrohung mit biologischen Waffen (B‑Waffen) laut. Droht ein halbes Jahrhundert nach Hiroshima und Nagasaki der Einsatz “der Atombombe des kleinen Mannes”? Um zu analysieren, ob und in welchem Ausmaß B‑Waffen im Geheimen entwickelt werden können, sind auf Einladung des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC), Berlin-Buch B‑Waffen-Experten und Historiker aus England, Japan, Kanada, Polen, Rußland, den USA und Deutschland vom 12. bis 16. Oktober auf der Ostseeinsel Vilm zusammengekommen. Der Titel des sogenannten XV. Kühlungsborner Kolloquiums lautete “Biologische und Toxin-Waffen 1925 – 45: Lehren für die Zukunft”. Leiter der Tagung war Prof. Erhard Geißler, der am MDC über bioethische Fragen arbeitet.
Ein Blick in die jüngere Geschichte zeigt, so Prof. Geißler, daß zum Beispiel die Amerikaner über japanische Vorbereitungen zur Entwicklung von B‑Waffen viel besser Bescheid wußten, als die deutschen Verbündeten Japans, obwohl Heinrich Himmler entsprechende Recherchen in Auftrag gegeben habe. Andererseits sei die US-Führung sehr besorgt über angebliche deutsche Vorbereitungen zum militärischen Einsatz von Botulinus- (Fleisch vergiftungs-)Toxin gewesen. Darüber sei in HitlerDeutschland aber so gut wie gar nicht gearbeitet worden, nicht zuletzt wegen Hitlers striktem Verbot der Vorbereitung biologischer Kriegsführung, betonte Prof. Geißler.
Allerdings habe es, offenbar “hinter Hitlers Rücken”, vor allem von Himmler geförderte Überlegungen und in begrenztem Maß auch Experimente zum etwaigen Einsatz von Kartoffelkäfern, Maul- und Klauenseuche-Viren (MKS-Viren) und Pestbakterien, speziell gegen England gegeben, führte Prof. Geißler auf der Tagung aus. Davon wiederum schien die anglo-amerikanische Seite kaum etwas wahrgenommen zu haben. Andererseits hätten die Deutschen befürchtet, mit MKS-Viren oder Kartoffelkäfern angegriffen zu werden, während die Engländer gemeinsam mit Amerikanern und Kanadiern vor allem den eventuellen militärischen Einsatz von Milzbrandbakterien vorbereiteten. Aus solchen und ähnlichen Befunden ergibt sich der beunruhigende Schluß, so Prof. Geißler, daß Vorbereitungsarbeiten zur biologischen
Kriegführung weitgehend unbemerkt vom Gegner betrieben werden können.
Die Ergebnisse der von der Volkswagen-Stiftung unterstützten Tagung sollen in einem Buch veröffentlicht werden, das vom Internationalen Friedensforschungsinstitut SIPRI (International Peace Research Institut) 1995 in Stockholm zum 70. Jahrestag des Abschlusses des Genfer Protokolls über das Verbot biologischer und chemischer Kriegführung herausgegeben wird.
Ansprechpartner:Prof. Erhard Geißler
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