Angeboren? Anerzogen? – Zwillingsstudien geben Antwort
Zwillingsstudien sind nach Auffassung von Wissenschaftlern eine geeignete Methode, um das Wechselspiel zwischen angeborenen Veranlagungen und Umwelteinflüssen zu untersuchen. Die Kombination von Zwillingsstudien mit modernen molekulargenetischen Methoden liefert wertvolle Informationen über die genetischen Grundlagen komplexer Charakterzüge und häufiger Krankheiten. Darauf haben jetzt Dorret Boomsma (Universität Amsterdam, Niederlande), Andreas Busjahn (HealthTwiSt und Franz-Volhard-Klinik der Charité, Berlin-Buch) sowie Leena Peltonen (Universität von Helsinki, Finnland) in einem Übersichtsbeitrag für die renommierte Fachzeitschrift Nature Reviews Genetics (November 2002, Vol. 3, No. 11, pp.872 – 882)* hingewiesen. Um die Aussagekraft der Studien zu steigern, werden große Datenmengen von Zwillingen und ihren Verwandten benötigt. Dafür stehen weltweit große Zwillingsregister mit unterschiedlichen Studienschwerpunkten zur Verfügung. Eines davon ist das Berliner Zwillingsregister mit Daten von über 900 Zwillingen.
Eineiige Zwillinge sind genetisch identisch, sie besitzen
exakt die gleichen Erbanlagen. Zweieiige Zwillinge hingegen stimmen
durchschnittlich zu 50 Prozent in ihren Erbanlagen überein, das ist mehr als
die Übereinstimmung in den Erbanlagen bei normalen Geschwistern. Sowohl
eineiige als auch zweieiige Zwillinge sind aber den gleichen Umwelteinflüssen,
wie dem Lebensstil der Familie, ausgesetzt. “Auftretende unterschiedliche
Merkmale lassen sich deshalb”, so die Wissenschaftler, “auf den Einfluss der
Gene zurückführen.” Die Analyse einzelner Gene liefere deshalb noch genauere
Informationen. Zwillinge hätten gegenüber Geschwistern, die keine Zwillinge
sind, außerdem den Vorteil, dass sie gleich alt sind. Das sei vor allem bei
Charakterzügen und biologischen Merkmalen, die altersabhängig sind, von
Bedeutung und könne in Zwillingsstudien deshalb sehr gut untersucht werden.
Die für die Studien benötigten Datenmengen von Zwillingen
werden weltweit in Zwillingsregistern gesammelt und ständig aktualisiert.
Bedeutende Register mit unterschiedlichen Studienschwerpunkten befinden sich
unter anderem in den skandinavischen Ländern, in Großbritannien, den USA, den
Niederlanden, Australien und Deutschland. Zwei Schwerpunkte des Berliner
Zwillingsregisters sind Untersuchungen des Herz-Kreislaufsystems und die Suche
nach gesundheitlich relevanten Persönlichkeitsmerkmalen. Für die Stressverarbeitung
(engl.: coping) konnten die Berliner sowohl die Bedeutung genetischer Einflüsse
als auch den Einfluss des familiären Umfeldes nachweisen.
*CLASSICAL
TWIN STUDIES AND BEYOND
Nature Reviews Genetics, November 2002, Vol.
3, No 11, pp.872 – 882
Dorret Boomsma1, Andreas Busjahn2
& Leena Peltonen3
1Department of Biological
Psychology, Vrije Universiteit, Van der Boechorststraat 1, 1081 BT Amsterdam,
The Netherlands.
2HealthTwiSt
and Franz-Volhard-Clinic of the Charité, Wiltbergstrasse 50, 13125 Berlin, Germany.
3Departments of Medical Genetics
and Molecular Medicine, University of Helsinki and National Public Health
Institute, Biomedicum, Haartmaninkatu 8, 00290 Helsinki, Finland.
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