Christiane Nolte 1986

Freundschaft

Dr. Christiane Nolte, Frauenvertreterin und Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe "Zelluläre Neurowissenschaften"

Ich hab den Mut der DDR-Bevölkerung bewundert, die zu den Montagsdemos und immer wieder auf die Straße gingen.
Es war ruhig im Heidelberger Vorort, dieses wichtige Ereignis wurde im westlichsten Westen der Republik offenbar kaum wahrgenommen.
Dr. Christiane Nolte
Christiane Nolte Frauenvertreterin und Wissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe "Zelluläre Neurowissenschaften"

Die Ereignisse, die dem 9. November vorausgingen, also zum Beispiel das „Picknick“ an der ungarisch-österreichischen Grenze, die Montagsdemos in Leipzig hatte ich 1989 mit großem Interesse verfolgt. Auch in dem Sommer, wie in den meisten zuvor, hatten wir unsere Freundin in der Nähe von Güstrow in den Ferien besucht. Wir wussten damals noch nicht, dass dies unser letzter Besuch in der DDR war. Aber irgendwie fühlte sich der Grenzübergang dieses Mal anders an als die vielen Male zuvor.

Bereits Ende der 70er Jahre hatten mein älterer Bruder, seine Freunde und ich im Urlaub an der polnischen Ostsee zwei Musikstudentinnen, Martina und Renate aus Berlin kennengelernt, woraus sich eine Freundschaft und ein großer Freundeskreis entwickelt hatte. Zu mehreren fuhren wir danach regelmäßig zu Besuch nach Ostberlin, später nach Mecklenburg und verbrachten sehr schöne Sommer oder Silvestertage miteinander. Renate hatte inzwischen eine Stelle als Musiklehrerin in Güstrow angenommen und lebte in einem alten Fachwerkhaus im Dorf Ruchow. Gern halfen wir ihr in den Ferien bei der Renovierung des Hauses. 

Die Autorin und ihre Freunde im Jahr 1984: Gemeinsam renovierten sie dieses Fachwerkhaus.

Bei allen unseren Besuchen haben wir auch immer ein Gefühl von Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft untereinander gespürt und sehr geschätzt. Selbstverständlich blieben uns auch die negativen Seiten nicht verborgen, die strengen Kontrollen an der Grenze, der durchdringende Blick der VoPo Beamtin vor dem Honecker-Portrait sitzend, an der Meldestelle im Prenzlauer Berg, die Schikanen und ewig langen Wartezeiten an der Grenze, Misstrauen gegenüber der einen oder anderen Person, die vielleicht für die Stasi gearbeitet hat, man wusste es nicht... Uns war auch bewusst, dass wir langhaarigen Studenten, mit Parka und abgewetzten Jeans, die 2x im Jahr in Gruppenstärke im VW Bus einreisten, sehr „verdächtig“ waren, und dass unsere Freunde aufgrund solcher „Westkontakte“ unter besonderer Beobachtung standen. Dennoch, über viele Jahre haben wir diese „einseitigen“ Besuche gepflegt. Wir haben auch erlebt, wie in den folgenden Jahren die einen oder anderen Bekannten unserer Freunde ausgereist sind.

„Weiterfahren!“

Warum fühlte sich der Grenzübertritt im Sommer 1989 anders an? Auf der Rückreise zurück in den Westen sollten wir mehrere Kisten Bücher für ausgereiste Bekannte nach Hamm transportieren, sie hatten Anfang 1989 ihre Ausreisegenehmigung nach Westdeutschland bekommen und konnten nur wenig ihrer Habe mitnehmen. Die Bücher waren ihnen wichtig, und sie hatten schon vor ihrer Ausreise den Transport vorbereitet, akribisch alle Titel aufgelistet, usw. An der Grenze erwarteten wir nun eine sehr strenge Kontrolle. Doch die gab es nicht, es passierte gar nichts! Nur ein kurzer Blick auf die Bücherliste „Wo stehen die Kisten? Weiterfahren!“ Es ging erstaunlich einfach und in der Retrospektive konnte man meinen, es interessierte die Grenzer nicht mehr, welche wichtigen kulturellen Werte nun die Republik verließen.

Regelmäßig besuchte die Autorin das Dorf Ruchow, auch im Jahr 1986 traf sie hier ihren Freundeskreis.

Ich hab den Mut der DDR-Bevölkerung bewundert, die zu den Montagsdemos und immer wieder auf die Straße gingen. Auch erinnere ich mich an meine unterschwellige Angst, dass das Ganze eskalieren und die Proteste niedergeschlagen würden, wie im Juni 1989 auf dem Tian’anmen Platz in China. Doch eigentlich war ich in der Zeit viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt; ich lag „in den letzte Zügen“ meiner Doktorarbeit in Heidelberg, die finalen Experimente mussten fertig werden, die Ergebnisse dokumentiert, die Veröffentlichungen geschrieben und die Dissertationsschrift verfasst werden. So überschlugen sich die Ereignisse und ich hätte die Maueröffnung vor lauter Beschäftigung mit mir selbst fast verpasst!

Ungeteilte Freude

Am 9. November stand ich abends nach einem langen, anstrengenden Labortag in der Kochnische meines kleinen Appartements und machte mir Abendbrot. Der Fernseher lief nebenbei – dann kam diese unglaubliche Meldung in der Tagesschau! Ich hab alles stehengelassen und wie gebannt auf den kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher gestarrt. Bilder von Menschen, die wie Hühner auf der Stange auf der Berliner Mauer saßen, und weitere, die hochkletterten. Unglaublich! Handy oder E-Mail gab es noch nicht, sodass ich an dem Abend keine Möglichkeit mehr hatte mich mit jemandem darüber auszutauschen, den das genauso berührte. Mein Freund lebte damals in einer anderen Stadt und hatte kein Telefon. Ich entsinne mich nicht, ob ich aus dem Fenster auf die Straße geschaut habe, aber wenn dort draußen Menschen Freudentänze veranstaltet hätten, würde ich mich sicher erinnern. Es war ruhig im Heidelberger Vorort, dieses wichtige Ereignis wurde im westlichsten Westen der Republik offenbar kaum wahrgenommen. An diesem Abend bin ich nicht mehr vor dem Fernseher weggekommen.

Aber was bedeutete das für mich?! Anfangs überwog die Freude darüber, dass unsere Freunde von drüben nun endlich mal einen Gegenbesuch bei uns machen konnten, dass sie Paris nicht nur auf den Diashows ihrer Westfreunde, sondern selbst erleben konnten. Auch gut, dass diese elenden Grenzkontrollen jetzt ein Ende haben würden.

Aufbruchstimmung

Als ich dann etwa ein halbes Jahr später begann, mich zu orientieren für die Zeit nach der Promotion, eröffneten sich völlig neue berufliche Perspektiven für mich. Ich hatte mich auf ein Stellenangebot als Postdoc bei der Firma Schering in Westberlin beworben und im August 1990 kam die Jobzusage. Ich bin sicher, ich hätte die Stelle niemals angenommen, wenn Berlin weiterhin von einer Mauer umgeben gewesen wäre. Lieber hätte ich weiter Bewerbungen geschrieben. Aber jetzt war es wie ein Aufbruch in eine vielversprechende neue Umgebung. Tatsächlich waren die frühen Neunziger in Berlin für mich die spannendsten meines Lebens. Wenn immer ich Bilder vom 9.November sehe, bin ich noch heute sehr stark berührt von den Ereignissen. 
 
Sicher wäre ich auch niemals zum MDC gekommen, wenn die Mauer nicht gefallen wäre! Die ehemaligen Akademieinstitute in Buch hatte ich als Schering-Mitarbeiterin Anfang der 90er hin und wieder zu wissenschaftlichen Vorträgen besucht. Ich muss gestehen, die Neugründung des MDC in 1992 habe ich nur am Rande wahrgenommen. Doch als ich mich nach drei Jahren Schering umorientieren wollte, war das neugegründete Max Delbrück Centrum für Molekulare Medizin ein durchaus spannender Ort, geprägt von einer großen Aufbruchstimmung. In gewisser Weise war es für mich auch eine „Heimkehr“, weil ich einige der neuen Gruppenleiter und Akteure, u.a. auch den MDC-Gründungsdirektor, schon aus den Heidelberger Jahren kannte. 

Besuche in Ruchow mache ich immernoch. Erst vor zwei Wochen haben wir uns mit einigen der alten Freunde wieder dort getroffen, um einen Geburtstag und die bevorstehende Pensionierung meiner Freundin nach 42 Jahren Berufstätigkeit als Musiklehrerin zu feiern.