KulturenKalender: Die Erschaffung von Adam und Eva
KulturenKalender: Rosch ha-Schana, jüdisches Neujahrsfest, 25. und 26. September 2014.
Mit ihrem Trinkspruch „Ich möchte meinen tollen Eltern danken“ liegt sie unangefochten auf Platz 1: Ekaterina Perets.
„Shana tova ve metuka!“ (Ich wünsche ein gutes und süßes Jahr!) – sagt meine Mutter, und so beginnen auf breiter Front die Vorbereitungen für einen meiner Lieblingsfeiertage: Rosch ha-Schana, besser bekannt als jüdisches neues Jahr. Als belebende Abwechslung in der jüdischen Geschichte gedenkt dieser Feiertag einer glücklichen Begebenheit: der Erschaffung von Adam und Eva. Er steht also für den Beginn der menschlichen Zivilisation und auch für den Beginn des jüdischen Kalenders. Gefeiert wird glorreiche drei Tage lang.
Rosch ha-Schana liegt nur wenige Tage vor Jom Kippur (auch bekannt unter „Der jüngste Tag“). Das Fest steht für einen Neubeginn und bietet die Möglichkeit, über seine Taten im zurückliegenden Jahr nachzudenken, gegebenenfalls Besserung zu geloben, um (hoffentlich) von den Betroffenen – und auch von Gott – Vergebung zu erlangen. Die Tradition der „Neujahrsvorsätze“ fallen auf diese Feiertage, weil viele Menschen beschließen, mit dem Rauchen aufzuhören oder eine Diät zu beginnen – aber selbstverständlich nicht vor Ende des ausschweifenden dreitägigen Festes.
In vielerlei Hinsicht sind diese Feiertage vergleichbar mit Weihnachten und dem weltlicheren neuen Jahr. Rosch ha-Schana ist ein Familientreffen mit vorzüglichem Essen, Feiertagsgesängen und Trinksprüchen – und natürlich Geschenken. Ähnlich wie an Weihnachten bricht mehrere Wochen vor den Feiertagen landesweit ein ultimativer Shoppingrausch aus; die Suche nach dem perfekten Geschenk für Freunde und Familie. In ganz Israel drängen sich die Kunden in Shopping-Centern, in jedem Geschäft hängen „SALE“-Schilder aus, und die Parkplätze werden knapp. Aber im Gegensatz zu Weihnachten dürfen die Kinder ihre Wünsche an Rosch ha-Schana direkt an die Eltern richten – ohne Umweg über den Weihnachtsmann und ohne Briefe oder Elfen.
Als traditionelle Gerichte werden in Honig getauchte Äpfel serviert, was für die Süße des kommenden Jahres steht oder man reicht Granatäpfel, als Symbol für die Fruchtbarkeit des Jahres. In meiner Familie werden diese traditionellen Gerichte ergänzt durch russische, wie Olivje-Salat (in dem sich – getränkt mit Mayonnaise – so ziemlich alles wiederfindet, was vorher im Kühlschrank war), Bratkartoffeln, Kaviar und geräucherte Lachssandwiches. Da die Feiertage normalerweise auf September fallen, gehört dazu immer auch eine Grillparty. Das traditionelle Feiertagsgetränk ist Wein. Allerdings reichern die meisten Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion dies durch vertrautere hochkonzentrierte Erzeugnisse an. Diese subtile Änderung des jüdischen Rituals steht zwar nicht in der Heiligen Schrift, sorgt im neuen Jahr aber für ausgelassene Stimmung, für feurige politische Diskussionen unter Freunden und für beliebte russische Filmsoundtracks aus den 80ern, die mit Gitarre begleitet werden.
In meiner Familie gilt Rosch ha-Schana als willkommener Vorwand, um Freunde und Familie zu treffen, Leibgerichte zuzubereiten und zu feiern. Es ist mehr als eine religiöse Tradition. Für unsere Lieben steht es auch für Gesundheit und Lebensqualität. Meinen Eltern und deren Freunden bietet es die perfekte Gelegenheit, mit den jüngsten Erfolgen ihrer Kinder anzugeben, sich über die neuesten politischen Entwicklungen auszutauschen und kommende Ausflüge zu planen. Für die Kinder geht es dabei eher um das Essen und darum, über die Eltern die Augen zu verdrehen. Dabei soll jeder, ganz besonders die junge Generation, bei Tisch einen Trinkspruch ausbringen. Der Trinkspruch muss mindestens fünf Sätze lang sein und mindestens die Hälfte der Anwesenden zu Tränen rühren. Die Themen der Trinksprüche sind zum Beispiel: „auf gute Gesundheit“, „mögen wir uns immer wieder so treffen“, „auf unsere entzückenden Frauen“ und – der Klassiker – „Ich möchte meinen tollen Eltern danken“. Damit liege ich derzeit unangefochten an der Spitze.
Beitragsbild: „Shana tova ve metuka!“ (Ich wünsche ein gutes und süßes Jahr!) mit geräucherten Lachshäppchen. Foto: Ekaterina Perets, MDC