Breaking_Boundaries_09_09_2019_4271

ūüďļ ‚ÄěWir d√ľrfen die protestierenden Freitagssch√ľler nicht allein lassen!‚Äú

Genau 30 Jahre nach der Gr√ľndung des Neuen Forums ruft Jens Reich Forscherinnen und Forscher dazu auf, sich erneut in den politischen Diskurs einzumischen. Wir dokumentieren seine Rede. Sie und ein Konzert von Wolf und Pamela Biermann waren der Auftakt f√ľr die neue Veranstaltungsreihe ‚ÄěBreaking Boundaries‚Äú am MDC Berlin-Mitte / BIMSB.

Wenn Sie auf den Hof dieses¬†Neubaus¬†gehen, sehen Sie zur rechten Hand das Geb√§ude, das von 1974 bis 1990 einer der Schaupl√§tze des dornenreichen Weges zur¬†deutschen Vereinigung wurde. In dem Geb√§ude war der Sitz der St√§ndigen Vertretung der BRD in der DDR (‚ÄěBotschaft‚Äú durfte es nicht hei√üen). Zum Schauplatz wurde es, weil im Laufe der Jahre immer wieder ausreise-entschlossene B√ľrger der DDR, M√§nner, Frauen und sogar Kinder, in das Innere eindrangen, wenn den Sicherheitskr√§ften der DDR der vorherige¬†Abfang¬†nicht gelang. Ein H√∂hepunkt war die diplomatische Krise von 1984, als 55 DDR-B√ľrger das Geb√§ude besetzten und f√ľr viele Wochen nicht mehr verlie√üen, sondern den Schutz f√ľr die Ausreise in den Westen zu erzwingen suchten.¬†Sp√§ter waren es noch einmal 130¬†ausreisewillige¬†B√ľrger, alle mit dem Wunsch:¬†‚ÄěIch will nicht hier bleiben, ich will in die Welt hinaus!¬†Ich¬†will¬†in den¬†Westen und frei leben!‚Äú¬†Der Konflikt war ein Vorbote der Ausreisebewegung der DDR-Jugend in den letzten Jahren des Bestehens dieses Staates.¬†

Wolf Biermann und Jens Reich

Wenn Sie dann auf die Hannoversche Stra√üe treten, liegt gegen√ľber an der Ecke rechts das Miethaus, das heute noch im grauen Fassadenputz der DDR dasteht, w√§hrend sich ringsum fast alles erneuert im Talmi-Glanz des reicher gewordenen Berlins pr√§sentiert. In dem grauen Haus wohnte damals in der zweiten Etage der Liedermacher Wolf Biermann mit seiner Familie. F√ľr die Beh√∂rden war er seit den fr√ľhen 60er Jahren zu einem der gef√§hrlichsten Staatsfeinde geworden, und sie hielten ihn mehr als Jahrzehnt in einer Art Privatknast mit gelegentlich geduldetem Freigang. Das Haus und alle seine Besucher wurden streng observiert und kontrolliert.¬†¬†Man sah die schleichenden Gestalten in¬†Zivil, die nichts zu tun hatten, und man¬†konnte sich denken, wen sie da beobachteten.¬†

Authentische Begleitung durch Straßenlärm  

‚ÄěChausseestra√üe 131‚Äú ist die Postadresse des grauen Hauses, und es ist auch der Titel einer¬†Biermannschen¬†Langspielplatte von 1968. Man kann die Lieder auch heute auf modernerem Tontr√§ger erwerben.¬†

Diese Lieder, im Geiste¬†des klassischen politischen Lieders√§ngers¬†Fran√ßois Villons¬†aus dem 15. Jahrhundert,¬†machten Biermann weltber√ľhmt.¬†In der¬†DDR wurde er leider nur als Geheimtipp bekannt, weil die B√§nder und Platten dort f√ľr Wenige erreichbar waren.¬†Ich habe Ende der 60er im Westradio¬†und¬†als Gast in privatem Kreise¬†einige dieser Lieder geh√∂rt. Die meisten in meiner¬†Umgebung kannten wie ich den Namen des S√§ngers nur vom H√∂rensagen.¬†Ich erinnere mich aber an eine Sitzung mit Bekannten, wo einer die Platte auflegte.¬†

Die¬†Wirkung¬†der Lieder¬†war erstaunlich: Die von ihm selbst geschriebenen und f√ľr Gitarrenbegleitung arrangierten lyrischen Texte¬†waren in eindringlichen, klar verst√§ndlichen¬†Worten¬†(hierin offensichtlich von Bertolt Brechts Lyrik beeinflusst)¬†verfasst. Der vorz√ľgliche, melodisch und harmonisch teilweise vom S√§nger unabh√§ngig gef√ľhrte, virtuose Gitarrenpart trug stark zur emotionalen Wirkung der Songs bei. Authentische Begleitung war der Hintergrund von Stra√üenl√§rm und quietschend um die Ecke biegender Stra√üenbahn, die zum k√ľnstlerischen Markenzeichen von Biermanns Liedkunst jener Jahre wurden. Das war¬†geboren aus der Not der improvisierten Aufnahme im Wohnzimmer mit Aufnahmeger√§ten, die ihm von westlichen Verehrern her√ľber geschmuggelt worden waren.¬†

Ungeschminkte Kritik 

Der eigentliche Schock f√ľr mich, wie f√ľr die meisten, die ihm damals zuh√∂rten, war die unerh√∂rt scharfe, von jeder Vorsicht und R√ľcksicht freie Attacke auf die herrschenden Politb√ľrokraten, auch auf deren beflissen dienende Parteigenossen in allen Bereichen des offiziellen Lebens und ebenso die un√ľberh√∂rbare Kritik¬†an¬†seinen¬†K√ľnstlerkollegen in Theater, Literatur und Musik¬†in der DDR, die ihre Opposition gegen die Knebelung der Freiheit auf halb bockige, halb beflissene Andeutungen beschr√§nkten.¬†

Das Publikum, f√ľr das Biermann sang, war potenziell die angepasst schweigende Mehrheit der DDR-B√ľrger. Es waren mindestens 80 Prozent der Bev√∂lkerung, die sich so verhielten, wie sich sp√§ter¬†‚Äst1989/1990¬†‚Ästzeigen sollte.¬†

Ich will¬†etwas erz√§hlen, an das sich Wolf vielleicht nicht mehr erinnert. Anfang der 70er¬†Jahre¬†war ich Zuschauer¬†mit Verwandten und Freunden¬†bei einer privaten¬†Theaterauff√ľhrung in einer der Nischengesellschaften. Was sie auff√ľhrten, war ein von den Darstellern entwickeltes St√ľck, das Beziehungsprobleme junger Menschen tiefenpsychologisch analysierte ‚Äď also sehr unpolitisch und ziemlich verquast. Auch Wolf Biermann war¬†zur¬†Auff√ľhrung eingeladen worden. Er unterbrach sie nach einiger Zeit und rief laut von hinten ins Publikum, dass dieser ganze Psychoquark Schei√üe w√§re. Unbedingt an der Tagesordnung sei jetzt politische Selbstvergewisserung und Selbstaktivierung gegen den obstinaten Machtapparat der DDR. Dazu m√ľssten wir uns aufraffen und wirklich aktuelles Theater entwickeln.¬†Das¬†sprach¬†er¬†und verlie√ü T√ľren knallend den Saal und das verdutzte Publikum zur√ľck. Die Auff√ľhrung¬†erholte sich danach nicht mehr richtig.¬†

Eine doppelte Isolierung 

Ich sah ein, dass dieser Mann mutig war und dabei Recht hatte. Die fehlende Freiheit qu√§lte mich, trotz all unserer privaten Gegenwelt,¬†sie¬†l√§hmte meine wissenschaftliche Arbeit im Beruf. Jedoch: Was folgte daraus? Was war zu tun? Etwa zur Chausseestra√üe 131 fahren, das Klingelschild Biermanns suchen (falls es eines gab), dabei von den zahlreichen Beobachtern ringsumher verdeckt fotografiert zu werden und, falls man √∂ffnete, sich als Mitk√§mpfer anbieten? Das ging nat√ľrlich nicht.¬†Er h√§tte vermutlich einen solchen¬†ungebetenen¬†Besucher als Lockvogel eingesch√§tzt, und diese Einsicht zeigte mir, dass¬†den Machthabern¬†die Isolierung des Liedermachers vollends¬†gelungen war.¬†

Es hat in den tr√ľben Jahren nach dem Mauerbau in der ganzen weiten DDR f√ľr mich wahrnehmbar nur zwei Menschen¬†in prominenter Position¬†gegeben, die offen und ungeschminkt, unter hohem pers√∂nlichen Risiko, gegen das b√ľrokratisch-diktatorische Machtregime aufgetreten sind: Wolf Biermann, als singender Barde des politischen Lieds, und Robert Havemann, der Naturwissenschaftler, Professor f√ľr physikalische Chemie und Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften.¬†¬†

Die beiden waren eng befreundet. Einer k√§mpfte mit der Waffe des politischen Liedes, der andere mit Vorlesungen und Schriften f√ľr politische Reformen. Beide taten das in der Intention, das verkn√∂cherte System √ľberlebensf√§hig¬†zu¬†machen.¬†Sie wollten es nicht abschaffen.¬†

Das SED-Regime erkannte klar, dass beider politische Aktivit√§ten au√üerordentlich gef√§hrlich f√ľr ihren Staat w√ľrden, wenn ihnen die Mobilisation der Jugend gel√§nge. Auch sie¬†sollten, wie sich sp√§ter zeigte, mit ihren Bef√ľrchtungen¬†Recht behalten.¬†

Berufsverbote und Hausarrest 

Die Beh√∂rden konnten sich allerdings nicht entschlie√üen, die beiden¬†‚Ästso wie sonst stets mit Regimegegnern geschehen¬†‚Ästdurch Lagerhaft und Zuchthaus zu brechen. Vermutlich waren sie im Westen zu bekannt, und sie genossen wohl auch wegen ihrer antifaschistischen Vergangenheit einen gewissen Schutz vor dem √Ąu√üersten (Havemann war von dem ber√ľchtigten¬†NS-Scharfrichter Roland Freisler wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt worden und wartete auf die Vollstreckung¬†dieses Urteils¬†im gleichen Zuchthaus¬†in¬†Brandenburg, wo Erich Honecker zehn Jahre¬†in¬†Haft¬†war. Biermann hatte seinen Vater durch den Naziterror¬†in einem Vernichtungslager¬†verloren).¬†

Stattdessen verh√§ngten die Beh√∂rden¬†Berufsverbote. Biermann¬†hatte¬†1965 bis zu seiner Ausb√ľrgerung 1976¬†Auftritts- und Publikationsverbot.¬†Havemann wurde aus seiner Universit√§tsprofessur und mit Mehrheitsbeschluss aus der Akademie ausgeschlossen, und seine Arbeitsstelle f√ľr Photochemie wurde aufgel√∂st.¬†Das ist f√ľr die DDR-Wissenschaft eine moralische Last, dass wir das zugelassen haben.¬†Beide wehrten sich mit Interviews und Publikationen im Westen, die aber in der abgeschlossenen DDR nur einer Minderheit zur Kenntnis kamen.¬†¬†

Zusätzlich umbauten die Machthaber bei Wolf Biermann die Stadtwohnung mit einer unsichtbaren Umzäunung von Beobachtern in Zivil. Bei Havemann nahm ein gerichtlich verhängter Hausarrest in seinem Bungalow besonders groteske Formen an. Die Staatssicherheit umstellte rund um die Uhr weiträumig alle Zugänge von der Straße und vom See aus; sie registrierte die wenigen, die sie aus politischen Überlegungen durchließ (darunter Spitzel). Der wegen seiner Lungenkrankheit körperlich, jedoch nicht in seinem Widerstandswillen gebrochene Robert Havemann hielt das sehr lange aus, bis er 1982 verstarb.  

Ein historischer Rohrkrepierer 

Bei¬†Biermann hat sich der Staat¬†gewaltig¬†verkalkuliert. Weil er¬†den Machthabern immer unbequemer und schlie√ülich in deren Einsch√§tzung richtig gef√§hrlich¬†geworden war,¬†hatten sie deshalb¬†im Herbst 1976¬†beschlossen,¬†sich¬†seiner mit einem Trick zu entledigen. Sie lie√üen ihn¬†mit R√ľckkehrzusicherung¬†zu einem Konzert in die Bundesrepublik ausreisen und entzogen ihm, als er dort war, die Staatsb√ľrgerschaft der DDR, sodass er¬†nicht zur√ľck konnte, den Pass nicht mehr hatte,¬†und¬†gegen seinen Willen zum Emigranten wurde.¬†¬†

Diese Ma√ünahme geriet allerdings zum¬†historischen¬†Rohrkrepierer. Die zwangsweise Ausb√ľrgerung mobilisierte¬†ganz¬†viele¬†DDR-Kulturschaffende, Intellektuelle, Akademiker, Studenten und zahlreiche unbescholtene B√ľrger zu politischen Protesterkl√§rungen und √∂ffentlichen Petitionen. Der Fall Biermann wurde zum ersten Sargnagel des autorit√§ren B√ľrokratenstaates.¬†

Robert Havemann hatte ich direkter als Biermann erlebt. Ich hatte seine¬†Vorlesungen √ľber¬†¬†Philosophie der Naturwissenschaften in den 60er Jahren besucht und war von seiner Wandlung vom philosophierenden SED-Bonzen zum Dissidenten sehr beeindruckt. Pers√∂nlich allerdings war¬†er¬†mir unsympathisch geworden, weil er in den Diskussionen zu seinen Thesen zweimal sehr autorit√§r Studentinnen¬†abgekanzelt hatte, die ihm gegen√ľber naiv ihre christliche Weltanschauung verteidigten.¬†

Zögern, Vorsicht, Feigheit 

Ich habe allerdings 15 Jahre sp√§ter eine pers√∂nliche Einladung von ihm erhalten.¬†Sein Verbannungsort¬†Gr√ľnheide¬†war dem Dorf benachbart, wo sich das gemietete H√§uschen unserer Mehr-Familien-Wochenend-Kommune befand, das am Eingang das stolze Schild ‚ÄěSummerhill‚Äú auswies.¬†Wir hatten¬†das H√§uschen so benannt, weil wir den Kindern zwei von sieben Wochentagen die Freiheit lassen wollten, zu tun, was sie wollten, bevor am Montag der schulische Drill mit dem Morgenappell wieder weiterging.¬†¬†Die Havemann-Leute waren dadurch auf uns aufmerksam geworden. Eines Tages hielt ein¬†Wartburg vor unserem Grundst√ľck, und ein junger Mann und eine junge Frau stiegen aus und sprachen uns an, ob wir nicht zu ihnen, zu Havemanns, zu einer geplanten Abend-Diskussion √ľber moderne Erziehungskonzepte kommen wollten.¬†Einer¬†von uns sagte halb zu und halb ab, wir w√ľrden uns gegebenenfalls melden. Was wir dann nach einer Gruppendiskussion nicht taten.¬†‚ÄěDa k√∂nnen wir ja gleich den Schl√ľssel abgeben und den Ausreiseantrag stellen!‚Äú, hie√ü es.¬†¬†

Ich hatte¬†neben diesem gemeinsamen Impuls der Vorsicht oder der Feigheit¬†zudem ein eigenes¬†dienstliches¬†Motiv, die Einladung in das stets von mehreren Beobachtungslimousinen umgebene Haus in¬†Gr√ľnheide¬†nicht anzunehmen, was ich aber¬†bei¬†den anderen nicht¬†geltend machen¬†mochte: Ich war¬†zuvor¬†mehrfach zu unangenehmen dienstlichen Befragungen durch das MfS¬†ins Ministerium f√ľr Wissenschaft und Technik¬†bestellt worden, weil ein Mitarbeiter meiner Forschungsgruppe ‚Äěillegale Republikflucht‚Äú begangen hatte. Die Stasi¬†setzte¬†mich unter Druck, wieso ich als Gruppenleiter die Absicht nicht mitbekommen und angezeigt h√§tte, sondern dem Mitarbeiter in dienstlichen Berichten an die Direktion stets staatspolitische Loyalit√§t bescheinigt h√§tte.¬†Ich wollte wegen¬†dieser¬†Angelegenheit und auch wegen weiteren politischen¬†Aktivit√§ten im privaten Bereich nicht noch gravierendere¬†Minuspunkte¬†ansammeln.¬†¬†

Wenn das Labor nicht mehr so wichtig ist 

Trotz dieser Begr√ľndungen war mir seither unwohl mit meiner Entscheidung. Immerhin war der Mann unglaublich mutig und hatte Missst√§nde im Staat und¬†insbesondere¬†in der Wissenschaft angeprangert, die auch ich f√ľr untragbar hielt. Au√üerdem war¬†uns¬†bekannt, dass er aus der¬†Nazihaft¬†stammend schwer krank war und auf Solidarit√§t angewiesen.¬†¬†

So habe ich mich¬†damals noch¬†aus pragmatischen Gr√ľnden der Verantwortung des Wissenschaftlers zu Wahrheit und kollegialer Solidarit√§t¬†indirekt¬†verweigert. Erst Jahre sp√§ter, nach zahlreichen intensiven Diskussionen im Freundeskreis, insbesondere mit Aktivisten der polnischen¬†SolidarnoŇõńá-Bewegung, ist mir¬†allm√§hlich¬†bewusst geworden, dass man in Umst√§nde geraten kann, in denen es wichtiger ist, sich politisch zu aktivieren, als weiterhin ruhig seine Wissenschaft¬†im Labor oder in der Bibliothek¬†zu¬†betreiben.¬†Mit dieser¬†Erkenntnis¬†habe ich zu lange gez√∂gert¬†und erst¬†seit den fr√ľhen 80ern danach gehandelt. Das¬†habe¬†ich¬†mit Karriereabbruch bezahlen m√ľssen.¬†Als Hypothese verallgemeinernd frage ich¬†mich seitdem, ob wir,¬†also¬†das schweigende Volk,¬†ob wir¬†nicht die DDR-Existenz¬†zehn¬†Jahre oder auch nur¬†f√ľnf¬†Jahre vor 1989 h√§tten beenden k√∂nnen, wenn wir uns¬†fr√ľher¬†zu aktivem Protest entschlossen h√§tten, anstatt sie mehr oder weniger schlecht gelaunt¬†auf unbestimmte Zeit¬†zu ertragen. Die Polen haben¬†uns jedenfalls einiges¬†besser¬†vorgemacht.¬†

Gr√ľndungsaufruf des Neuen Forums¬†

Es ist m√ľ√üig, dar√ľber zu spekulieren, ob die Zeit schon vorher reif war. Im Herbst 1989 jedenfalls, genau gesagt: heute vor 30 Jahren, im Gr√ľndungsaufruf der B√ľrgerinitiative ‚ÄěNeues Forum‚Äú haben wir¬†solche¬†Erkenntnisse ber√ľcksichtigt. Die Historiker urteilen heute, dass der Aufruf ohne ausgearbeitetes Programm¬†gewesen sei, politisch v√∂llig naiv. Ja,¬†das trifft vollkommen¬†zu.¬†Naiv wie das Kind in¬†‚ÄěDes Kaisers neue Kleider‚Äú,¬†und genau das war unsere Absicht.¬†Wir wollten auf keinen Fall¬†verschwurbelte¬†Politsprache!¬†Der Aufruf wollte der von nahezu allen, bis ins Vorzimmer des SED-Politb√ľros m√∂chte ich sagen, geteilten Stimmung Ausdruck verleihen, dass es so nicht weiter gehen konnte. Wir sagten: Unsere Wirtschaft ist pleite, der Zustand der Umwelt ist entsetzlich¬†(Stichwort Bitterfelder Silbersee), die Jugend l√§uft zu Hunderttausenden davon, und die Polen, die Ungarn, die Balten¬†und sogar die Russen machen uns vor, dass man nicht l√§nger¬†schweigend und mit eingezogenen F√ľhlern im Schneckenhaus sitzen und¬†schweigen darf.

Gerade die naive Berufung auf unsere legalen Absichten und die Verfassung der DDR¬†veranlasste¬†Hunderttausende aus der bis dahin verdrossen schweigenden Mehrheit im ganzen Lande,¬†also auch auf dem Dorf¬†und¬†nicht mehr¬†lediglich¬†an einigen¬†herausgehobenen¬†Orten, sich der Bewegung des¬†‚ÄěNormalb√ľrgers‚Äú¬†im¬†‚ÄěMainstream‚Äú anzuschlie√üen und die waffenstarrende Machtstruktur zum Kollaps zu bringen.¬†Kollaps wurde¬†freilich¬†nicht ausgesprochen, es ging um Reformen.¬†Es war immer Vorsicht dabei, in Erinnerung an den Einmarsch in Prag 1968,¬†an¬†den Krieg der Sowjetarmee gegen Budapest 1956,¬†an¬†die Panzer,¬†die¬†1953¬†hier in den Stra√üen Berlins gerollt waren. Man musste sich sehr genau √ľberlegen, √ľber was man reden kann,¬†und mit¬†welche Forderungen man vielleicht diejenigen, die man ansprechen wollte, abschrecken und zur√ľckscheuchen w√ľrde ins schweigende Schneckenhaus.¬†Ja, das war naiv.¬†Wahrscheinlich¬†konnte nur¬†eine Bewegung wie sie diese Revolution ‚Ästals ‚Äěfriedliche‚Äú¬†w√ľrde¬†ich¬†sie¬†eigentlich nicht¬†bezeichnen, eher gewaltfreie ‚Ästausl√∂sen und sich durch¬†die¬†Schwierigkeiten durcharbeiten.¬†

Erneut droht ein Kollaps 

Wie steht es heute ‚Äď k√∂nnen wir aus unseren Fehlern und Vers√§umnissen¬†einiges f√ľr die Zukunft¬†lernen?¬†

Wir leben in einer v√∂llig neuen Welt. Ich kann mich als Naturwissenschaftler zu den wichtigen Fragen der Zukunft √§u√üern. Jedenfalls gehe ich kein Risiko ein, verhaftet zu werden.¬†Trotzdem geh√∂rt Entschlossenheit dazu. Und es ist so einfach, den notwendigen √∂ffentlich h√∂rbaren politischen Kommentar gerade dort, wo es auf sorgf√§ltig erworbene Kompetenz als Naturwissenschaftler ankommt, anderen zu √ľberlassen.¬†

Alle wichtigen Fragen an die Zukunft sind heute global (nicht mehr DDR-lokal) konstituiert. Sie lassen sich zusammenbinden in die Diagnose, dass (ich dr√ľcke es biologisch aus)¬†Homo sapiens¬†die Trag- und Stressf√§higkeit der Biosph√§re dieses Planeten gef√§hrlich √ľberlastet.¬†¬†

Nunmehr um Jahrzehnte √§lter geworden, beunruhigt mich immer noch die Frage, ob es nicht f√ľr die heute aktive Wissenschaftlergeneration unabweisbar notwendig wird,¬†aus¬†der unpolitischen ‚Äěsplendid¬†isolation‚Äú¬†unseres Berufes herauszukommen¬†und sich politisch zu engagieren. Als Biologen und Mediziner haben wir unbestreitbar Sachkompetenz, laut auszusprechen und zu belegen, dass die Menschheit¬†weit √ľber ihre Verh√§ltnisse lebt und die Stress- und Tragfestigkeit der gesamten Biosph√§re auf dem Planeten mit wachsender Intensit√§t √ľberlastet. Die¬†globale¬†Dynamik¬†unserer Lebenst√§tigkeit¬†l√§uft un√ľbersehbar auf einen Kipppunkt zu, hinter dem es keine R√ľckkehr zum bisherigen¬†Flie√ügleichgewicht mehr gibt. Der Zeithorizont betr√§gt einige Jahrzehnte, √§u√üerstenfalls vielleicht 50 Jahre.¬†Und der¬†systemische¬†Kollaps wird diejenigen noch treffen, die heute jung sind und Kinder haben werden oder bereits haben.¬†¬†¬†¬†

Nicht im Schneckenhaus sitzen bleiben 

Wir¬†d√ľrfen¬†als Naturwissenschaftler die¬†naiv¬†protestierenden Freitags-Sch√ľler nicht allein lassen, sondern ihnen zu sachgerechtem Detailwissen verhelfen. Und es geht nicht nur um den Klimawandel, sondern vor allem um die dramatische¬†√úberstrapazierung¬†des gesamten Planeten:¬†Verm√ľllung¬†von Land und Ozeanen, Ausbeutung von Grund- und Trinkwasser-Ressourcen¬†sowie¬†Rohstoffen, Intensivlandwirtschaft, Massentierhaltung, Bodenerosion,¬†schwindende¬†Artenvielfalt,¬†polare Eisschmelze und Auftauen von riesigen¬†Permafrostgebieten, Umkippen unverzichtbarer terrestrischer und mariner √Ėkosysteme wie Tropenwald und Korallenriffe. Das¬†alles zusammen steuert auf einen Notstand zu, den zu bezweifeln nichts mehr mit¬†freiem¬†politischen¬†Meinungsstreit zu tun hat, sondern eine halsstarrige Missachtung der Interessen zuk√ľnftiger Generationen darstellt.¬†

Damals wurde mir, wurde uns allen die pers√∂nliche Freiheit und die Handlungsfreiheit als Staatsb√ľrger vorenthalten, und es war¬†auch¬†unsere Verantwortung, um unsere Befreiung zu k√§mpfen.¬†Sehr viele, auch die DDR-Wissenschaft,¬†haben¬†sich¬†1989¬†eher¬†passiv¬†befreien lassen von den gro√üen Demonstrationen, als selbst zu handeln.¬†

Heute habe ich, haben wir gemeinsam politische Handlungsfreiheit, und es ist unsere Verantwortung, ohne hysterischen Alarm, aber auch ohne stille Resignation die gefährlich drohende Krise des Planeten darzustellen und Handlungen entwickeln zu helfen, wie man die Gefahr eindämmen kann.  

Das habe ich aus meinen Handlungen,¬†aus¬†meinen Fehlern gelernt. Dieses Mal d√ľrfen wir nicht im Schneckenhaus sitzen bleiben und¬†nachdenklich¬†‚Äď besser wissend ‚Äď abwarten, ob und wann die Krise des Planeten¬†nicht mehr beherrschbar wird.