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Was lesen Sie gerade, Frau Bartolomaeus?

Theda Bartolomaeus ist Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Sofia Forslund. Die Gruppe will zeigen, wie sich der menschliche Wirt und das Mikrobiom unter verschiedenen Bedingungen gemeinsam in Richtung Gesundheit oder Krankheit entwickeln.

Raphaela Edelbauer:Das Flüssige Land

Theda Bartolomaeus.

Ruths Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Nach ihrem Tod, so hatten sie verfügt, wollten sie am Ort ihrer Kindheit „Groß-Einland“ begraben werden. Ohne auch nur eine Vorstellung davon zu haben, wo „Groß-Einland“ zu finden sein könnte, setzt sich Ruth, eine Physikerin, ins Auto und fährt los. Während ihrer Suche nach „Groß-Einland“ erahnt man langsam ihren Übergang in eine andere, surreale Welt.

Und tatsächlich scheint „Groß-Einland“ in einer Zeitkapsel zu liegen: Eine Stadtmauer umgibt die Ansammlung mittelalterlich anmutender Fachwerkhäuser, in deren Mitte ein Kirchturm aufragt. Die Idylle trügt jedoch: Der Turm steht schief, Plätze senken sich ab, Löcher tun sich auf – unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, in dem die Bewohner „Groß-Einlands“ allerlei Dinge entsorgen. Diesem Ort droht die baldige Zerstörung. Aber die Einwohner benehmen sich, als wäre alles ganz normal. Es ist eine Erzählung über das Verdrängen.

Der Debüt-Roman der österreichischen Autorin Raphaela Edelbauer ist geprägt von der bizarren Mischung aus konkreten Schilderungen einer Kleinstadt-Realität, durchsetzt mit fantastisch-anmutenden Gegebenheiten. Ruth nimmt diese surreale Wirklichkeit in einem schlafwandlerischen Zustand wahr. Während des Lesens wächst das Gefühl, die Protagonistin werde passiv von einer Situation in die andere geschoben, und nur durch große Kraftanstrengung wird die Fokussierung möglich. Am Ende geht es auch um die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich.

Während des Lesens wächst das Gefühl, die Protagonistin werde passiv von einer Situation in die andere geschoben, und nur durch große Kraftanstrengung wird die Fokussierung möglich. Am Ende geht es auch um die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich.

Für mich liest sich Das Flüssige Land als eine in der Gegenwart spielende Dystopie und ich kann dieses Buch nur weiterempfehlen. „Denn unsere Welt besteht aus nichts als der Gegenwart – und während sich der Verstand noch an der Zeitkapsel entlanghangelt, steht alles still.“